Unser EIP Innovationsprojekt „Direktsaat im Forst“
Das Vorhaben „Direktsaat im Forst“ wurde aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) und des Landes Niedersachsen gefördert, im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft „Produktivität und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft“ (EIP Agri). Bewilligungsbehörde war die Landwirtschaftskammer Niedersachsen.
Von Juni 2023 bis Juni 2026 hat eine operationelle Gruppe unter Koordination der Müller Münchehof GmbH geprüft, ob die Direktsaat im Forst praktikabler wird, wenn der Boden mit einem wasserspeichernden Hilfsstoff vorbereitet und das Saatgut pelletiert wird. Getestet wurde auf zwei Flächen in Niedersachsen, in vier Varianten und über drei Auszählungen. Das Projekt ist abgeschlossen. Die Ergebnisse stehen unten, auch die Teile, die nicht funktioniert haben.
Ergebnisse
Auf der Versuchsfläche Bad Essen wurde die Direktsaat in vier Varianten getestet: Kontrolle, nur Water Steward, nur Saatgutpelletierung und beides kombiniert. Je Saatstelle kamen 30 Samen in den Boden, ausgezählt wurde nach rund einem und nach gut zwei Jahren. Die Keim- und Anwuchsraten blieben niedrig und erreichten in der Spitze im August 2024 etwa 5,8 Prozent der ausgesäten Samen.
Ein Vorteil der behandelten Varianten zeigte sich nicht. Water Steward brachte anfangs einen kleinen Vorsprung bei der Keimung, hielt beim Anwuchs bis 2026 aber nicht an. Die Pelletierung senkte die Keimung eher. Zur letzten Auszählung 2026 lag die unbehandelte Kontrolle mit rund 6,9 Prozent vorn. Auf der zweiten Fläche (Marke) blieb der Anwuchs von Anfang an bei 2,4 Prozent und ging bis 2026 auf 1,8 Prozent zurück; diese Fläche ist durch außergewöhnlich starken Brombeerbewuchs gescheitert. Unter den Bedingungen beider Flächen verbesserten Bodenhilfsstoff und Pelletierung die Direktsaat nicht, den Ausschlag gab die Begleitvegetation.
Fläche Bad Essen
| Variante | Juli 2024 | August 2024 | Juni 2026 |
|---|---|---|---|
| T1 · Kontrolle | 1,9 %23/1200 | 7,0 %61/870 | 6,9 %33/480 |
| T2 · nur Water Steward | 1,4 %17/1200 | 7,3 %79/1080 | 3,2 %31/960 |
| T3 · nur Pelletierung | 0,6 %7/1140 | 3,5 %28/810 | 5,3 %38/720 |
| T4 · Pelletierung + Water Steward | 0,8 %10/1200 | 4,9 %46/930 | 4,0 %38/960 |
| Gesamt | 1,2 %57/4740 | 5,8 %214/3690 | 4,5 %140/3120 |
Keim- und Anwuchsrate als Anteil der ausgesäten Samen, alle Blöcke. Die Zahl der ausgewerteten Saatstellen nahm über die Termine ab, deshalb unterscheiden sich die Bezugsmengen.
Den größeren Einfluss hatte die Fläche selbst. Der obere Teil lag am Hang mit hoher Sonnenexposition, dort blieb die Keimung nahezu aus. Unten rechts, auf den Blöcken C und D, stand dichter Adlerfarn: 4,0 und 2,6 Prozent Anwuchs zur letzten Zählung gegenüber 5,0 und 6,4 Prozent auf den linken Reihen. Farn und Brombeere wuchsen kräftig nach, obwohl regelmäßig zurückgeschnitten wurde.
Fläche Marke (Northeim)
| Variante | Juli 2024 | August 2024 | Juni 2026 |
|---|---|---|---|
| T1 · Kontrolle | 2,1 %25/1200 | 1,8 %22/1200 | 2,0 %24/1200 |
| T2 · nur Water Steward | 2,5 %30/1200 | 2,2 %26/1200 | 2,4 %29/1200 |
| T3 · nur Pelletierung | 3,1 %37/1200 | 2,8 %34/1200 | 1,5 %18/1200 |
| T4 · Pelletierung + Water Steward | 1,8 %22/1200 | 1,3 %16/1200 | 1,3 %15/1200 |
| Gesamt | 2,4 %114/4800 | 2,0 %98/4800 | 1,8 %86/4800 |
Anwuchsrate als Anteil der ausgesäten Samen, alle Blöcke.
Diese Fläche ist als gescheitert einzustufen. Brombeere überwuchs die Saatstellen so dicht, dass kaum etwas anwuchs, und der Bestand ging über die Jahre zurück statt sich zu etablieren. Die Unterschiede zwischen den Varianten betragen wenige Pflanzen und tragen keine Aussage. Marke bestätigt damit den Befund aus Bad Essen: Wo die Begleitvegetation dominiert, entscheidet sie über den Erfolg und nicht die Saatgutbehandlung.
Was daraus für die Praxis folgt
Fünf Prozent klingen nach wenig. Zur Einordnung: Auch die klassische Pflanzung endet nach Jahrzehnten bei 60 bis 150 Zielbäumen je Hektar, von mehreren Tausend gesetzten. Gemessen daran ist eine Überlebensrate um die fünf Prozent je Samen kein schlechter Wert, sofern dicht genug gesät wird. Die in Bad Essen etablierten Douglasien stehen heute anderthalb bis zwei Meter hoch auf der Fläche und sind über die kritische Phase hinweg.
Der entscheidende Hebel liegt bei Standortwahl und Begleitvegetation. Wo Farn und Brombeere den Boden schnell zurückerobern und die Fläche stark besonnt ist, bleibt die Direktsaat auch mit Bodenhilfsstoff schwierig. Zurückschneiden reicht dafür nicht, beide Arten wachsen kräftig nach. Auf einer Fläche mit überschaubarer oder gut steuerbarer Begleitvegetation kann die Direktsaat dagegen eine echte Alternative sein.
Für Forstbetriebe lautet das Fazit: Water Steward und Pelletierung haben in diesem Versuch keinen messbaren Vorteil gegenüber der unbehandelten Kontrolle gezeigt. Unter anderen Standortbedingungen kann das Bild anders ausfallen. Der Weg zu einer verlässlichen Direktsaat führt jedenfalls über das Vegetationsmanagement und die Standortwahl. Welche Parameter dabei entscheiden, hat dieses Projekt sichtbar gemacht.
Bilder aus dem Versuch
Summary (English)
On the Bad Essen trial site, direct seeding was tested in four variants: control, Water Steward only, seed pelletisation only, and both combined. Thirty seeds were sown per spot and counted after about one and just over two years. Germination and establishment stayed low, peaking at roughly 5.8 percent of sown seeds in August 2024.
The treated variants showed no advantage. Water Steward gave a small early germination edge that did not persist through establishment by 2026, and pelletisation tended to lower germination. At the final 2026 count the untreated control led at about 6.9 percent. On the second site (Marke) establishment started at 2.4 percent and declined to 1.8 percent by 2026; that site failed due to exceptionally heavy bramble growth. Across both sites the soil additive and pelletisation showed no measurable advantage over the untreated control in this trial; the decisive factor was the competing vegetation.
Ausgangslage und Versuchsaufbau
Die Wiederbewaldung geschädigter Flächen in Niedersachsen steht unter Druck. Borkenkäfer, Dürre und Waldbrände haben große Bestände zerstört, im Harz stehen ganze Hänge kahl. Die klassische Aufforstung über Setzlinge ist teuer, arbeitsintensiv und hängt am knappen Angebot an Pflanzware. Dazu kommt der Pflanzschock: Wurzeln werden beim Verpflanzen häufig beschnitten, was Ausfall und Wachstumsverluste erhöht.
Die Direktsaat wäre die günstigere Alternative und führt zu tiefer wurzelnden Bäumen. In der Praxis scheitert sie bislang an schlechter Keimung bei zu geringer Bodenfeuchte, an Nagerfraß und an Engpässen bei Baumsamen. Genau dort setzte das Projekt an: Der Boden wurde mit einem Forststreifenpflug bearbeitet und mit Water Steward vorbereitet, einem biobasierten, biologisch abbaubaren und mikroplastikfreien Bodenhilfsstoff von SilviBio, der Wasser im Boden speichert. Ein Teil des Saatguts wurde zusätzlich pelletiert.
Umgesetzt wurde ein randomisierter Blockversuch mit vier Varianten, die zwei Faktoren kreuzen. T1 als Kontrolle ohne Behandlung, T2 nur mit Water Steward, T3 nur mit Pelletierung, T4 mit beidem. Je Saatstelle wurden 30 Samen ausgebracht, verteilt über zwei Blöcke mit je zwei Reihen und 40 Saatstellen je Reihe. Beide Flächen wurden eingezäunt. Die Aussaat erfolgte im Frühjahr 2024, ausgezählt wurde im Juli 2024, im August 2024 und im Juni 2026.
Die Auswertung erfolgte deskriptiv durch den Projektkoordinator auf Basis der vollständigen Auszählungsdaten beider Flächen. Eine inferenzstatistische Prüfung wurde nicht durchgeführt.
Die operationelle Gruppe
Am Tisch saßen alle Teile der Wertschöpfungskette. Die Müller Münchehof GmbH aus Seesen koordinierte das Projekt und brachte als Forstbaumschule die Saatgut- und Pflanzkompetenz ein. Sie übernahm auf beiden Flächen Aussaat, Kulturpflege und Auswertung, in Marke zusätzlich Teile der Flächenvorbereitung und des Zaunbaus.
Der Forstbetrieb Philip Freiherr von dem Bussche-Ippenburg in Bad Essen stellte die erste Versuchsfläche bereit und brachte die Sicht des Flächenbesitzers in Besichtigung und Vorbereitung ein. SilviBio Ltd. aus Roslin in Schottland lieferte den Bodenhilfsstoff Water Steward und beriet zum Versuchsaufbau. In der Landwirtschaft ist SilviBio etabliert, und in diesem Versuch sollte die Adaptionsfähigkeit für die Forstwirtschaft getestet werden.
Die betreuenden Förster der Landwirtschaftskammer und der Niedersächsischen Landesforsten brachten ihre Ortskenntnis der beiden Standorte ein. Erst diese Kombination erlaubte es, ein neues Produkt unter realen forstlichen Bedingungen zu testen und die Ergebnisse direkt aus der Praxis heraus zu bewerten. Über das Projektende hinaus stehen die Beteiligten weiter im Austausch.
Fragen zum Projekt beantwortet Samuel Potthoff, Projektkoordinator der operationellen Gruppe: zum Kontaktformular.
Eckdaten des Vorhabens
- Titel
- Direktsaat im Forst
- Operationelle Gruppe
- Müller Münchehof GmbH, Seesen (Koordination) · Forstbetrieb Philip Freiherr von dem Bussche-Ippenburg, Bad Essen · SilviBio Ltd., Roslin, Schottland
- Projektgebiet
- Zwei Versuchsflächen von je rund einem Hektar: Bad Essen (Gemarkung Eilstädt) im westlichen und Marke bei Northeim im südlichen Niedersachsen
- Laufzeit
- 29.06.2023 bis 30.06.2026
- Förderfähiges Gesamtvolumen
- 71.252,10 EUR
- Bewilligte Zuwendung
- 66.981,60 EUR
- Bewilligungsbehörde
- Landwirtschaftskammer Niedersachsen
- Registriernummer
- 276 03 153 012 0739 · Aktenzeichen EIP-2023-1